Schluss mit langweiligen Gärten auf Mycottagegarden

Mehr Platz für Blütenfülle, Farbenspiel und Lebensfreude -  das ist Sarahs Vision. Und möglichst viele dafür zu begeistern ihre Mission. Besonders Gärten, die aussehen wie Handtücher mit Blümchenborte, Beton-Pflastersteine und die praktischen Plastikmöbel sind ihr ein Dorn im Auge. Geordnete Verhältnisse im Vorgarten – nein danke. Sie möchte die Verwunschenheit, Romantik und perfekte Nachlässigkeit englischer Cottage Gärten in die hiesigen vier Zäune bringen. Zeigen, dass es nicht mehr Arbeit, sondern mehr Freude macht und die Lebensqualität (nicht nur von Biene, Vogel und Co.) steigert. Sarah zeigt auf ihrem Blog My Cottage Garden, der mit dem Deutschen Gartenbuchpreis ausgezeichnet wurde, wie ihr einfach und ohne viel Aufwand euren Garten in ein blühendes Paradies verwandeln könnt. Wir haben uns mit ihr unterhalten, um mehr über den Cottage Garten zu erfahren.

Desmondo: Sarah, was genau ist ein Cottage Garten?

Sarah: Der Cottage Garten ist mehr als nur ein Gartenstil. Er verkörpert für mich auch ein Lebensgefühl, Gartengenuss statt Gartenarbeit. Ungezwungen, romantisch und verwunschen besticht er durch seine strukturierte Wildheit, verzaubert mit Blütenfülle, Duft und bunter Nachhaltigkeit. Gerade heute, da unser Leben durch Digitalisierung und das Smartphone geprägt ist, erfüllt er die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und dem einfach(er)en Leben. Sein Charme bezaubert nicht nur uns, dank Pflanzenvielfalt und „geordnetem Chaos“ bietet er auch vielen Tieren Nahrung und Unterschlupf.

Desmondo: Was ist sein Ursprung?

Sarah: Der ist ein bisschen weniger romantisch. Wir befinden uns in England, vor einigen Jahrhunderten. Der Garten diente in erster Linie zum Überleben. Bäuche zahlreicher Kinder und die Speisekammer für den Winter mussten gefüllt werden. Er war ein reiner Nutzgarten, der schlichtweg die britische Arbeiterklasse (in einem simplen Cottage lebend) ernähren musste. Ein denkbar einfaches Konzept: die Pflanzen wurden von Generation zu Generation weitergegeben, vielleicht mal Saatgut mit dem Nachbarn getauscht. Kein ausgefallenes Design, alles simpel und funktional.

Auf kleinstem Raum angelegt und trotzdem musste die größtmögliche Ernte eingebracht werden. Wege unterteilten die Beete, Zäune schützten vor Tieren, Rasen wäre vollkommen überflüssig gewesen und hätte nur Platz weggenommen. Und dennoch fanden sich zwischen Obst und Gemüse viele Blumen, entweder als Heilpflanzen für die Hausapotheke oder um Nützlinge anzulocken beziehungsweise Ungeziefer abzuwehren. Auch konnte das kärgliche Einkommen mit dem Verkauf von Blumensträußen auf dem Markt ein bisschen aufgebessert werden. War man draußen, musste gearbeitet werden. Man hatte schlichtweg keine Zeit für „Outdoor Living“. Der Cottage Garten war ärmlich und nicht gesellschaftsfähig.

Desmondo: Wie kam der Wandel? Wie wurde aus dem Cottage Garten das ländliche Idyll von heute?

Sarah: Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entdeckten das städtische Bürgertum und ambitionierte Künstler das Landleben. Und damit auch den Cottage Garten. Es entstand eine neue, idealisierte Version des Cottage Gartens, wo nicht mehr der Anbau von Nahrungsmitteln im Vordergrund stand, sondern Schönheit und Genuss. Aus dem Selbstversorgergarten wurde ein charmanter Ort der Entspannung, in dem man sich kreativ ausleben konnte.

Besonders großen Einfluss hatte zu jener Zeit Gertrude Jekyll, eine Künstlerin der Arts- and Crafts-Bewegung. Sie konnte sich nicht mit den „modernen“ Gärten dieser Zeit anfreunden, die strikt und akkurat waren. Die Beete bestanden aus Teppichen niedriger einjähriger Blümchen und es gab viel Rasen. Sie übertrug Konzepte aus der Kunst in den Garten, experimentierte mit Farben und Texturen und arbeitete mit Stauden, die sie natürlich und locker verteilte.

Desmondo: Entspricht der Cottage Garten unserem Landhausgarten oder Bauerngarten?

Sarah: Es geht schon in die Richtung, aber so richtig übersetzen lässt sich das wohl nicht mit den zwei Begriffen. Ein Cottage Garten ist ein Cottage Garten. Trotzdem gibt es natürlich fließende Übergänge. Für mich ist der Landhausgarten durchaus ordentlicher, ja fast schicker, als der Cottage Garten. Hortensien, Buchshecken, Rosenbäumchen, unkrautfreie Wege. Vielleicht ein Naturteich neben einer rosenberankten Pergola. So sieht für mich ein Landhausgarten aus. Kein geordnetes Durcheinander und geplante Zufälligkeit wie im Cottage Garten.

Im Gegensatz zum Landhausgarten ist der Bauerngarten ganz klar mehr auf Nutzpflanzen ausgelegt. Ein Potpourri aus Essbarem, Naschpflanzen und Blumen. Meist eingezäunt und ohne Rasen. Gemüse neben Beerensträuchern, vielleicht ein Wassertrog in der Mitte des Wegekreuzes. Er ist rustikal, eng bepflanzt und meist rechteckig oder quadratisch. Sowohl der Landhausgarten als auch der Bauerngarten verfügen über Elemente, die auch der Cottage Garten für sich beansprucht. Der Cottage Garten ist vielleicht verspielter, leichter und - im Gegensatz zum Bauerngarten - steht das üppige Gesamtbild im Vordergrund. 

Desmondo: Sarah, mit Deinem Blog „My Cottage Garden“ hast Du eine ganz klaren Wunsch. Welcher ist das?

Sarah: Schluss mit langweiligen Gärten! Ich möchte motivieren, begeistern und helfen, den eigenen Garten fröhlicher und blumiger zu machen. Ich finde es schade, dass sich viele - aus Angst vor der Arbeit oder dem mangelnden grünen Daumen - nicht an die Blütenfülle vor ihrer eigenen Haustür wagen. Stattdessen möchte ich zeigen, dass es nicht mehr Arbeit, sondern viel Freude macht und die Lebensqualität steigert, einen lebendigen Garten zu haben. Ein gepflegter Rasen macht mehr Mühe als ein blühendes Staudenbeet - vorausgesetzt man entscheidet sich für die richtigen Pflanzen (übrigens gibt’s meine 22 Lieblingspflanzen, die jeden Garten verzaubern, keine Arbeit machen und sich überall wohlfühlen HIER).

Also ran an die Blumen!

Sarah Stiller, My Cottage Garden
Sarah Stiller findet ihren Cottage Garten zum Anbeißen (Foto: Syl Gervais)
von
Florian

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